Patrick Neuhaus. "Die Arno Breker-Ausstellung in der Orangerie Paris 1942". "Kunst und Kollaboration im besetzten Frnkreich". Neuhaus Verlag. Berlin. 2018.

Dieses scheinbar kleine Buch von dicht und klein gedruckten 160 Seiten enthält Sprengstoff und ist zugleich ein Markstein in der schwierigen Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen, die nicht immer idyllisch gewesen sind. Der Untertitel: "Auswärtige Kulturpolitik, Kunst und Kollaboration im besetzten Frankreich" macht den Hintergrund deutlich. Dabei geht es hier um schöne und edle Kunst und um die positive Rezeption in Frankreich eines der größten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts! Weil sie provokativ in der Besatzungszeit 1942 stattfand, fällt diese Kunstausstellung als Thematik von Patrick Neuhaus aus der Reihe. Sie ist unorthodox und ketzerisch, da den Namen Arno Brekers mit dem deutsch-französischen Kulturleben in der Besatzungszeit in Parisverbindet.

Aber im Gegensatz zu der Unzahl von Arbeiten, die sich mit dieser kurzen un tragischen Epoche befaßten, haben wir hier mit dem wissenschaftlichen Werk eines vielseitig gebildeten Autors mit akademischen Rang zu tun. Keine Polemik, keine Hybris, nur Sachlichkeit! Der Autor hat sich dafür entschieden, weit von jeder Voreingenommenheit die nackten Fakten darzustellen. Und das Faktische in jener heutzutage schon fernen Zeit war wohl nicht überall und nicht immer so, wie es nach 1944-45 dargestellt wurde, aber die Geschichte wird im allgemeinen von den Siegern geschrieben und von ihnen zur Volksmeinung gemacht

Was für ein umfangreiches, informatives Werk ist damit unter der Feder vom Autor und Verleger PNeuhaus entstanden! Ja, sogar die Fotos sprechen Bände. Nehmen wir das Bild auf S. 62. Da stehen in der vordersten Reihe der geladenen Gäste, während Staatssekretär Jacques Benoist-Méchin als Fürsprecher der Ausstellung eine Rede hält. Manchen sind Amtsträger der Vichy-Regierung wie der französische Botschafter bei der Besatzungsmacht und sechsmal Gast bei Hitler Fernand de Brinon, dessen nie sichtbare aber von der deutschen Polizei geschützten jüdische Frau den Krieg überlebte. Er wurde am 15. April 1947 hingerichtet.

Dazu gehörte der Dichter und 1942 zum Erziehungsminister ernannten Abel Bonnard, der dem Todesurteil entging, indem er sich nach 1945 nach  Spanien absetzte. Persönlichkeiten der französischen Kultur wie der Startänzer und Freund Goebbels Serge Lifar, der Schriftsteller Jean Cocteau sind da zu sehen. Schließlich sind auch der deutsche Polizeichef Carl Oberg, der nach dem Krieg wegen Massendeportationen zweimal zu Tode verurteilt und schliesslich 1962 vom Präsidenten de Gaulle als Geste guten Willens im Rahmen der deutsch-französischen Versöhnung begnadigt wurde, sowie der Arbeitskräftebeschaffer des Reichs Fritz Sauckel, der in Nürnberg hingerichtet wurde, zu sehen.

Unter den vielen deutschen Persönlichkeiten jener Zeit muss man an der Spitze den deutschen Gesandten Walter Hewel nennen, der im Oktober 1941 die Genehmigung Hitler zur Ausstellung holte. Hewel war von Jugend auf ein politischer Gefährte Hitlers und zugleich ein charmanter Lebenskünstler, der den engeren Kreis des Führers mit seinen fröhlichen Stories aus Indien erfreute. Er war zuletzt unter den Getreuen im April-Mai 1945 im Berliner Führerbunker und nahm sich auf der Flucht das Leben, um nicht in sowjetische Gefangenschaft zu geraten. Sein Bild kann man auf S. 44 sehen.

Auf derselben Seite abgebildet ist Jacques Benoist-Méchin, Journalist, Historiker, Schriftsteller, seit 1941 beim Premierminister Laval Staatssekretär für die deutsch-französischen Beziehungen zuständig. Er wurde 1946 zu Tode verurteilt, dann wurde das Urteil aufgehoben und zur Inhaftierung auf Lebenszeit umgewandelt. 1954 wurde er begnadigt. Zwischen den beiden Weltkriegen hatte Benoist-Méchin eine meisterhafte Geschichte der deutschen Armee verfaßt und er schrieb weiter bis zu seinem Tod im Jahre 1983 mit 82 Jahren berühmte Biographien.

Zu den Befürwortern der Ausstellung gehörte der Schriftsteller Robert Brasillach, der die Ausstellung als Mitglied ihres „Comité d’honneur“ Arno Breker und dessen Werk im Théâtre Hébertot vorstellte. Chefredakteur der kollaborationistischen Zeitung „Je suis partout“ wurde Robert Brasillach nach 1945 als Verräter zu Tode verurteilt und exekutiert, u. a. mit dem fadenscheinigen Grund, dass er die deutsche Uniform getragen hatte. Er hatte in der ersten Ausgabe der Zeitschrift des Deutschen Instituts Paris „Deutschland/Frankreich“ neben Friedrich Sieburg und Ernst Jünger geschrieben. Seine Verurteilung wird heute noch als ein Schandfleck auf der französischen Kulturgeschichte betrachtet, aber die Zeiten waren unbarmherzig und wie viele andere hatte er die falsche Seite gewählt.  

Man staunt über die Namen der Unterstützer und der zahlreichen geladenen Gäste der Ausstellung, über deren – zum Teil in französischer Sprache abgedruckten – Reden, die einen „good will“ zum Ausdruck bringen, dem man sonst nie in der französischen Literatur der Nachkriegsliteratur zur Besatzungszeit findet.  Diese Dokumente aus zahlreichen privaten und öffentlichen Archiven herausgefischt zu haben, ist ein großer Verdienst des Autors. Er wirft damit ein neues Licht auf diese Epoche.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein sarkastisches Buch des berühmten Schauspielers, Dramaturgs und Filmers Sacha Guitry, der von Arno Breker eingeladen, den französischen Bildhauer Aristide Maillol in die deutsche Botschaft begleitete. Ihm wurde das u. a. in des Nachkriegszeit vorgeworfen, als er inhaftiert und angeklagt wurde. In seinem  Buch "Quatre ans d'occupations" (auf S. 383. Verlag Editions l'Elan, 1947) hat Guitry dieses Ereignis erwähnt. Breker betrachtete Maillol als seinen Meister. Es ging um Kunst, um nichts anderes, aber die Ausnahmetribunale der Nachkriegszeit sahen das anders. Guitry erwähnt wohl deswegen das Treffen von Goethe und Napoléon im Oktober 1808 in Erfurt. Es geht daraus hervor, dass Goethe sein Land nicht verraten hatte, sondern ihm durch diesen Händedruck mit dem Sieger half. Guitry wurde letzten Endes freigesprochen.

Es war ca. 70 Jahre danach tatsächlich höchste Zeit, dass man sich sachlich, „jenseits von gut und Böse“, damit befassen konnte. Dunkle Seiten hatte sicherlich die Kollaboration. Das entsprechende französische Wort „collaboration“, das bereits auf der 6. Zeile des Buches auftaucht, ist in Frankreich inzwischen zu einem Unwort geworden, das seitdem und heute noch lieber durch das Wort „coopération“ ersetzt wird. Aus „collaboration“  hat die französische Umgangssprache bzw. Politsprache die Abkürzung "collabo“ abgeleitet, was so gut wie „Vaterlandsverräter“ bedeutet. Dabei war die Kollaboration die durchaus offizielle Politik der französischen Staates vom Marschall Pétain und seines Premierministers Pierre Laval. Das Wort war damals absolut wertneutral.

Mit anderen Worten waren die Franzosen unter der „Occupation“, die Patrick Neuhaus auf seiner ersten Seite, 10. Zeile, auf französisch so nennt,  wenigstens bis Ende 1942 nicht weit überwiegend Widerstandskämpfer, wie so oft in Filmen und Büchern der Nachkriegszeit behauptet, sondern in ihrer übergroßen Mehrheit Anhänger des Marschalls Pétain und in diesem Sinne „Kollaborateure“. Das bedeutet, dass 1940-42 die Jahrhunderte lang unterdrückte Sehnsucht nach deutsch-französischen Freundschaft und Verständigung noch lebendig war. Viele haben sie damals trotz allem für möglich gehalten.

Es ist z. B. wenig bekannt, dass der heute so oft verwendete Begriff des „couple franco-allemand“, der „deutsch-französischen Ehepaares“, vom französischen Schriftsteller Jules Romain 1934 nach einer Reise im damals NS-Deutschland geprägt wurde, der daraus den Titel seines Berichts über seine Bemühungen, um zu einer überrheinischen Verständigung zu gelangen, machte (Jules Romain. „Le couple franco-allemand“. Verlag Flammarion. 1934. Neuauflage 1992, ISBN : 208050794X).

Bis zum Sommer 1942, als die Wehrmacht noch die Polizeigewalt in Frankreich hatte, war die Besatzung relativ erträglich gewesen. Wesentlich unangenehmer wurde es ab Ende 1942, als sie dem RSHA und der Gestapo übertragen wurde. Vor allem die Erschießung von unschuldigen Geiseln durch die Besatzungsmacht und die Ermordung ebenso unschuldiger deutscher Soldaten insbesondere durch den kommunistischen Widerstand rissen tiefe Wunden auf und streuten Haß. Der Stein des Anstoßes war die Einführung der (un)freiwilligen Zwangsarbeit junger Franzosen in Deutschland, der S.T.O., und die Besetzung der bislang noch freien „Zone libre“ am 11. November 1942.  „Damit zerstoben auch jene im Frühjahr noch lebendigen Illusionen vieler Aktivisten einer deutsch-französischen Kooperation“, schreibt Neuhaus (S. 45).

Aber anders hätte es kaum sein können. Die deutsche NS-Politik gegenüber Frankreich wurde anfänglich von Menschen getragen, die ehrlich meinten, Freundschaft  und Zusammenarbeit wäre möglich. Die Schmach von 1918 war auf deutscher Seite durch den Sieg von 1940 getilgt worden. Manche Deutsche wir der Botschafter Abetz liebten wirklich die französische Kultur und Sprache und diese Neigungen wurden auf französischer Seite durchaus erwidert. Auf den vielen Plakaten, in den Texten, Reden zum Teil in französischer Sprache, die der Autor zitiert und deren Lektüre wir hier empfehlen, wird das spürbar. Wir können hier nicht ins Detail gehen. Auch Patrick Neuhaus sieht die Zäsur im Herbst 1942: Er stellt fest, dass „die Ziele und Hoffnungen“, die „sich mit dem kulturellen Großereignis verbanden“, enttäuscht wurden, weil sie den strategischen Interessen Hitlers und ev. auch Goebbels zuwiderliefen. Der Führer wollte nicht kooperieren, er wollte ein höriges, unterworfenes Frankreich.

Breker war zweifelsohne einer der großen Bildhauer der Kunstgeschichte. Er hat im 20. Jahrhundert die Inspiration der antiken griechischen Bildhauerei zu einem neuen, eigenen Gipfel erhoben. Zu seinen Bewunderern gehörte der französische figurative Bildhauer Paul Belmondo, der Vater des berühmten späteren Schauspielers Jean-Paul Belmondo, der mit anderen französischen Künstlern und Intellektuellen 1942 nach Deutschland eingeladen wurde. Er wie Breker lebte offensichtlich in der falschen Zeit. Brekers Werk wurde irrtümlich mit der NS-Ideologie identifiziert. Anders als sein Freund Albert Speer, mit dem er vieles teilte, und anders als z. B. Leni Riefenstahl, blieb er jedoch, was er war: Ein Künstler. Kein Propagandist.

Über das Werk dieses geschätzten und talentierten Bildhauers hinaus, der das Wohlwollen des verhinderten Künstlers Hitler genossen und ausgenutzt hat und bekanntlich, wie Speer, direkten Zugang zum ihm hatte, sowie über diese am 15. Mai 1942 eröffnete und von Zehntausenden von Menschen besuchten Ausstellung im Museum der Orangerie Paris hinaus verschafft uns dieses einmalige, mit wissenschaftlicher Genauigkeit und neuen Quellen verfaßten und mit vielen, wenig bekannten oder unbekannten Bild- und Wortdokumenten und Fotos angereicherten Werk einen Blick in die Kulisse einer unzeitgemäßen deutsch-französischen geistigen Nähe und Zusammenarbeit. (Jean-Paul Picaper, 20. August 2018)

Um das Buch zu bestellen: info@neuhausverlag.com. Neuhaus Verlag. Berlin 2018. www.neuhausverlag.com. ISBN 978-3-937294-08-7

"Strassburg"- Eine Geschichte der Stadt als Comicstrip. Nicht immer komisch und sehr informativ.

Was für einen schönen Einfall der Stiftung für Straßburg und des Straßburger Verlags Editions du Signe, ein Buch veröffentlicht zu haben, das in Form eines Comic Strip, anders gesagt mit Bildern und Dialogen, die Geschichte der elsässischen Metropole erzählt. Offensichtlich richtet sich dieses farbige mit fest kartoniertem Einband versehene Buch, das sich ebenso handfest wie Sandstein aus den Vogesen sich anfassen lässt, vor allem an die Schulkinder, aber es ist nicht weniger eine Quelle von Informationen für die älteren Zeitgenossen. Die Seiten sind nicht numeriert, aber anstelle von Nummern reihen sich die großen Kapitel der Geschichte aneinander, alle Seiten sind oben mit Epochenbezeichnungen und Jahresdaten in Klammern gekennzeichnet.

Vor dem Hintergrund der netten und lebhaften Zeichnungen von François Abel - im Wesentlichen sind es malerische, zueinander redenden Figuren - bringt der Text von Charly Damm enorm viele Informationen, die, wollen wir mal wetten, Sie möglicherweise noch nicht kennen. Bereits auf der ersten Seite etwa stoßen wir auf eine Frage, die sich sonst niemand stellt: Wussten Sie woher das Wort „Rhein“ herrührt? Öffnen Sie diese Seite, Sie werden es erfahren. Es ist ganz einfach und einleuchtend. Ein bißchen Urgeschichte, etwas Altertum und viel Mittelalter füllen mehr als die Hälfte des Buches aus und machen die lange Vergangenheit dieser anfangs römischen Stadt anschaulich, die am Kreuzweg lag, wie der Name sagt. Sie erlebte blühende Zeiten und schreckliche Katastrophen, die meist mit bewaffneten Konflikten zu tun hatten.

Was mir auch auffiel, ist die Tatsache, dass nichts verschwiegen wird, die dunklen Seiten der Geschichte eingeschlossen, z. B. der Dreißigjährige Krieg, der Straßburg erfasste, aber von den Franzosen kaum bekannt ist, oder auch die Guillotine der französischen Revolution, die man gerne verdrängen möchte, ganz abgesehen vom Reichsarbeitsdienst für die Mädchen und die Zwangsrekrutierung in die Wehrmacht für die jungen Männer ab 1942. Denn die elsässische Geschichte war nicht stets rosarot. Und daraus entspringt vielleicht auch ihr Reichtum, das die Schmerzen, falls sie nicht töten, die Klugheit erweitern und das Pendeln zwischen zwei Staaten und drei Kulturen, der elsässischen zuerst, dann der deutschen und der französischen, die Anpassungsfähigkeit verstärkt. Es war in der Tat wichtig, an diese riesige Vergangenheit Straßburgs zu erinnern, die eine der ersten Freistädte Europas war, eine der ersten, die sich gewaltsam von den bösen Lehnherren und von einem schlechten Bischof befreite. Das erklärt auch, warum die Bürger von Straßburg stolz und widerspenstig sind.

Nichts fehlt und man sagt sich bei jeder Seite: „Na, so war das? Habe ich nicht gewusst. Ich hatte davon gehört, aber wusste es nicht genau“. Der Vorteil der Comics besteht darin, dass sie die Geschichte wie einen sich abspielenden Film in die Köpfe hineintragen. Denn es ist wichtig, die Ereignisse und die Epochen in deren Zusammenhang und deren Verlauf wieder einzureihen, besonders in unserer Kultur, die von Moment zu Moment, von Momentaufnahme zu Momentaufnahme rennt. Was bedeutet, dass dieses Buch unter den Kindern und Heranwachsenden Berufungen zum Historiker wecken kann. Oder auch zum Sprachwissenschaftler oder Philologen, da die deutlich identifizierbaren Personen, die diese Story bevölkern, auch Bruchstücke mit Lokalkolorit des elsässischen Dialekts in den Mund nehmen, die jeder Deutsche verstehen kann, wenn sie auch manche Straßburger heute leider vernachlässigen.

Es wird schon auf der Titelseite mit der Formel „E komischi Gschicht“ veranschaulicht. Das ist die komische Geschichte, die uns ein Liebespaar erzählt, das die Autoren hervorragend auserwählt haben: Die schöne Liesel, deren Standbild in der Straßburger Grünanlage der Orangerie, unweit des Europaparlaments steht, und der römische Handwerker Publius Modestus, dessen Grab im Jahre 2016 von Archäologen entdeckt wurde. Was manchmal in der Geschichte für Straßburg ein Unglück war, und zwar seine Mittellage zwischen zwei Ländern, die sich eingebildeten hatten Erbfeinde zu sein, ist heute zum Glück und Chance der elsässischen Regionalhauptstadt geworden, die zum Bindestrich zwischen Deutschland und Frankreich und zum Leuchtturm Europas geworden ist. (Jean-Paul Picaper - Oktober 2016).

Verlag Éditions du Signe. 1 rue Alfred Kastler, 67038 Strasbourg Cedex. 2016 oder BP 10094 Eckbolsheim. www.editionsdusigne.fr. Tel.0033 (03) 88 78 91 91. Preis:16, 90 €.

Massenmigration als Waffe

Kelly M. Greenhill. Massenmigration als Waffe. Vertreibung, Erpressung und Außenpolitik.

Kaum hatte die Autorin den Schlußpunkt zu diesem epochalen Buch gesetzt, da erhielt ihre These eine brisante Aktualität. Nicht die Herkunftsländer der Flüchtlinge, Syrien, Afghanistan, Eritrea und die vielen, verschiedenen Staaten der Subsahelzone in Afrika setzten  Europa unter Druck, sondern Etappenstaaten wie die Türkei und Libyen, soweit man im zweiten Fall noch von einem Staat reden kann. Durch einen Vertrag, der mit den EU-Partner nicht abgesprochen, oder zumindest nicht im notwendigen Ausmaße abgesprochen worden war, wurden von der deutschen Kanzlerin Zugeständnisse an Ankara gewährt, wovon der „Statthalter aller Türken“ und Möchtegernherrscher „aller Moslems“ Recep Tayyip Erdogan in den letzten Jahren nie hätte träumen können.

Unter der Bedingung, dass sie als Verwalter eines Durchzugslandes den Menschenstrom in Richtung Europa zurückhalten, erhielten Präsident Erdogan und dessen inzwischen hinausgejagter Ministerpräsident Davutoglu weitgehende Versprechungen in Sachen EU-Beitritt und noch dazu 6 Milliarden Euro. Gegenüber der Türkei „schwankt der Kurs der Kanzlerin seit Jahren zwischen Ablehnung und Anbiederung, sagte Alexander Graf Lambsdorff der Tageszeitung Die Welt am 21. Mai 2016. Als CDU-Vorsitzende lehnt Angela Merkel einen EU-Beitritt der Türkei konsequent ab. Jetzt plötzlich aber treibt sie in der Flüchtlingskrise die Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei zur EU voran“. Der stellvertretende Präsident des EU-Parlaments fügte zutreffend hinzu: „Die EU hat ein praktisches Interesse daran, dass die Flüchtlingszahlen dauerhaft zurückgehen. Erdogan hat ein praktisches Interesse daran, dass sein vollmundiges Versprechen einer Visafreiheit für seine Staatsbürger in der EU auch eingelöst wird“.

Inzwischen ist diese letzte Offerte an den Türken um Monate verschoben worden, aber irgendwann einmal müssen doch die detutchen Versprechen von der EU eingehalten werden, will man nicht, dass der Zustrom aus Nahost und aus sonstwoher nicht wieder in einem Ausmaße wie im Jahr 2015 anschwillt. Dabei heißt es, dass Erdogan eine Selektion zwischen den Flüchtlingen vornimmt, die er behält und denjenigen, die er wohlbehütet in Flugzeugen zu uns schickt. Man hört, dass er die Gebildeten unter ihnen für sich behält und die Analphabeten nach Europa schickt. Das ist aber nur einTeil der Wahrheit: Er behält für sich auch Arbeitssklaven, vor allem Kinder, die in seinen Produktionsstätten unter menschenunwürdigen Bedingungen und für einen kargen Lohn schuften.

Erdogan verdiente sich mit der Migrationswaffe einen Spitznamen als "der Erpresser vom Bosporus". Seine Glaubensgenossen auf der anderen Seite des Mittelmeeres, die Daesh-Kämpfer in Libyen, praktizieren eine ganz andere Auslese, und zwar massakrieren sie die Christen und Andersgläubigen unter den Flüchtlingsmassen, für die Libyen eine Zwischenstation nach Europa ist, und schicken uns über das Mittelmeer die fromme Moslems. Dass Tausende pro Jahr dieser Unglückseligen ertrinken, stört niemand an der Südküste des Mittelmeeres. Hauptsache der größere Teil landet in Italien und erhöht die Last, die Europa erdrückt. Die Bundeskanzlerin hat leider das Greenhill-Buch offensichtlich nicht gelesen. Sonst hätte sie sich selbst vielleicht nicht in diese Sackgasse hineinmanövriert. Vielleicht. Sicher ist es nicht. Denn sie wie viele Politiker tragen Augenklappen, geht es um die eigenen Fehler.

Frau Greenhill, die Autorin dieses außergewöhnlichen Buches, lehrt Staatskunde an der Universität Tufts (USA). Sie ist Forschungsstipendiatin am Belfer Center for Science and International Affairs an der berühmten Universität Harvard. Sie hat eine ganze Reihe beeindruckender Diplome gesammelt, darunter einen Bachelor of Arts mit dem Prädikat summa cum laude in Politikwissenschaften und Skandinavistik in Berkeley. Ihr Thema konnte nicht aktueller und anschaulicher werden als an der „Willkommens“-Politik von Angela Merkel. Sie hat den Fehler unserer Zeit begangen, indem sie Realpolitik durch christliche und humanistische Werte ersetzte, die fremde Mächte gegen umdrehen können, um deren Anhänger abhängig ja sogar untertan zu machen. Genau das ist Frau Merkel in Sachen Migrationspolitik passiert, wenn man es auch in ihrer Umgebung zu kaschieren versucht.

Immerhin ist es der CSU aufgefallen. Aber was können die Bayern in einer grossen Koalition? Wie Frau Greenhill es schreibt, ist die Migrationsgefahr die höchste unserer Zeit. Zehntausende strömen heute in die Europäische Union und nach Deutschland ein, schreibt sie, aber diese Zahlen sind vergleichsweise gering angesichts der Größenordnung wetweiter Flüchtlingszahlen – erschreckende 60,5 Millionen sind es laut den im Juli 2015 veröffentlichten Zahlen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen. Zwei Drittel von ihnen sind innerhalb ihres Landes unterwegs aber ein Drittel flieht grenzüberschreitend.

Dabei könnte es noch viel schlimmer werden als in diesem Buch dargestellt, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung Afrikas nach heutigen Prognosen in den 2050er Jahren zwischen 2 bis 3 Milliarden Menschen liegen wird, um 4,2 Milliard 2100 zu erreichen. Was passiert, wenn der Klimaumschwung die Bevölkerung breiter Gebiete in Afrika mit Hungersnot, Wassermangel und den dadurch geförderten Gesundheitsschäden plagt?

Es könnte geschehen, dass Europa an Armut stirbt, weil sie sie nicht ernähren und pflegen kann oder wie damals die Indianer Amerikas von von den Migranten importierten Seuchen dezimiert wird. Ganz abgesehen vom Kulturwandel durch die Verbreitung der islamistischen Religion, da die grosse Mehrheit des Migranten Moslems ist. Darüber wird geschwiegen. Experten denken nach. Aber Lösungen sind nicht in Sicht. Kelly Greenhill hat diese Problematik nun anders angepackt und zeigt uns, wie Erpresser jeder Couleur sich dieses neuen Phänomens bedienen können, um uns in die Knie zu zwingen. Offensichtlich haben unsere Politiker das Problem nicht so gesehen. Sonst wäre der Erpressungsvertrag mit der Türei nie unterzeichnet worden.

Dei Autorin traut sich den Begriff „Waffe“ zu verwenden, wobei hier Menschenmassen, darunter viele Frauen und Kinder, als Waffen, wohlgemerkt nicht im Sinne des bekannten „Kanonenfutters“ sondern als unfreiwillige Vernichtungswaffen eingesetzt werden. „Weapons of Mass Migration“, schrieb die Autorin in Ihrer Muttersprache. Ein christlicher Priester aus dem Libanon sagte es uns einmal noch deutlicher: „Die Menschheit hat zwei Massenvernichtungswaffen erfunden: Die Atombombe und den Islam“, wobei der Islam unter Umständen ein Epiphänomen ist. Die Masse tut es. Mit oder ohne diese Religion.

Auf den 429 Seiten dieses Buches wird historisch und geographisch das Phänomen Migration der überzähligen und entwurzelten Völker politisch, ökonomisch und kulturell unter die Lupe genommen, wobei man erfährt, das dadurch Staaten vernichtet wurden und andere wie entstanden. Nicht nur in Europa, denn andere Kontinente in Amerika, Asien, Australien, werden in die Untersuchung einbezogen. Die Autorin geht ins Detail, Bootsflüchtlinge, Erstürmung von Botschaften, Anschläge, usw. werden Fall nach Fall mit Namen, Zahlen und Landkarten untersucht, wobei es sich wohlgemerkt um eine unpolemische, sachliche und wertfreie wissenschaftliche Arbeit handelt, die man keineswegs von der Hand weisen kann und die einen Markstein in der Geschichte der praktischen Politikwissenschaft setzt. Dieses Buch muss von allen an unserem Überleben interessierten Menschen gelesen werden und es gehört in die Bibliotheken der Politik-, Soziologie- und Demographeiinstitute, sowie der Bundewehrakademien. (Jean-Paul Picaper - Juni 2016)

Kopp Verlag, Bertha-Benz-Str. 10, 72108 Rottenburg, im Januar 2016 erschienen.